


{"id":620,"date":"2013-07-12T21:06:00","date_gmt":"2013-07-12T19:06:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.insense-scenes.net\/wordpress\/?p=620"},"modified":"2013-07-12T21:06:00","modified_gmt":"2013-07-12T19:06:00","slug":"moglichkeiten-des-sprechens-und-schauspiel-possibilites-du-parler-et-de-lacteur","status":"publish","type":"article","link":"https:\/\/juliechaumard.paris\/winsense\/article\/moglichkeiten-des-sprechens-und-schauspiel-possibilites-du-parler-et-de-lacteur\/","title":{"rendered":"M\u00f6glichkeiten des Sprechens und Schauspiel \/ Possibilit\u00e9s du Parler et de l&rsquo;Acteur"},"content":{"rendered":"<p><em> <strong>Par les villages, une pi\u00e8ce de l&rsquo;auteur autrichien Peter Handke, nous confronte sous forme d&rsquo;un \u201epo\u00e8me dramatique\u201c avec des mondes perdus et des mondes \u00e0 venir. Entre ces deux, autour d&rsquo;un conflit de famille, Gregor rencontre son fr\u00e8re Hans et sa soeur Sophie \u00e0 la recherche de sens et de ce que devrait ou pas \u00eatre transmis. Stanislas Norday, avec Dieudonn\u00e9 Nianounga artiste associ\u00e9 au 67e Festival d&rsquo;Avignon, souhaite faire de ce texte un po\u00e8me vivant. Il entend la pi\u00e8ce comme \u201eune ode aux humili\u00e9s et aux offens\u00e9s\u201c et aussi \u00e0 l&rsquo;art de l&rsquo;acteur.<\/strong> <\/em><br \/>\nDer Innenhof des Papstpalastes (Cour d&rsquo;honneur) ist eine B\u00fchne wie sie Stanislas Nordays Vorstellungen entspricht. Was Kino und Theater voneinander unterscheide sei der \u201ephysische Schock\u201c1  den man bei letzterem erlebe, umso mehr an diesem beeindruckenden Ort inmitten von zweitausend anderen Zuschauern und umgeben von hohen Mauern \u00fcber denen am Himmel die V\u00f6gel kreisen. Freilich ist dies ein Effekt den das Publikum des Cour d&rsquo;honneur allabendlich erleben kann. F\u00fcr Norday ist das direkte Aufeinandertreffen von Akteuren und Zuschauern zudem Hauptmotiv seiner Inszenierung von Handkes \u00dcber die D\u00f6rfer. \u201eJ&rsquo;ai la passion du public, je fais du th\u00e9\u00e2tre pour lui. Il est mon partenair principal!\u201c2. In diesem Punkt unterscheidet er sich ma\u00dfgeblich von Autor Handke. Jedenfalls \u00e4u\u00dfert der in einem, zwar schon 1967 gegebenen, Interview er denke nicht \u00fcber das Publikum nach sondern \u00fcber sich, dar\u00fcber was ihm selbst noch nicht bewusst sei. Dieses m\u00fcsse auch dem Publikum bewusst gemacht werden.<br \/>\nAuf Nordays Suche nach einem St\u00fcck wurden Prinzen und K\u00f6nige sofort aussortiert, er sucht die Stimme eines Arbeiters. Brecht ist ihm zu demonstrativ. Handke selbst erkl\u00e4rte, selbst Beckett und Brecht h\u00e4tten nichts mit ihm zu tun3. Es m\u00fcsse einem unserer Zeit angemessenen Theater Raum geschafft werden. Handke ergreift deshalb selbst das Wort und ver\u00f6ffentlicht 1981 beim Suhrkampverlag \u00dcber die D\u00f6rfer. Drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter f\u00e4llt Nordays Wahl auf dieses St\u00fcck. Wenn Brecht und Becketts St\u00fccke in den achziger Jahren bereits nicht mehr der Zeit entsprachen, kann Handke uns im Jahr 2013 noch entsprechen? Ja, findet Norday, denn dieser Text spricht \u00fcber und von uns allen, und er spielt an den Orten unserer Zeit.<br \/>\nNorday, seine Truppe und das Festivalpublikum begegnen sich also am hellichten Tag, bevor die abendliche Dunkelheit und das damit verst\u00e4rkte Scheinwerferlicht die B\u00fchne hervorhebt und das Publikum unsichtbar macht. Man ist zumindest bereit ist f\u00fcr vier Stunden geteilte Zeit. Wenn es nach Norday ginge bildete man nicht nur eine momentane Gemeinschaft sonder auch eine Gesellschaft in der F\u00fchrungspositionen, gerade an Kulturinstitutionen, als Kollektiv besetzt w\u00fcrden. In der Menschen gegen Unrecht auf die Barrikaden gehen w\u00fcrden. Die Medienpr\u00e4senz des, neben dem kongolesischen Autor und Regisseur Dieudonn\u00e9 Niangouna, zweiten Artiste associ\u00e9 ist mit derartiger M\u00fche und Flei\u00df erarbeitet dass man geradezu \u00fcberflutet wird mit seinen Stellungnahmen dieser Art. Es geht viel um (Kultur-)Politik in den Interviews mit Norday die in Avignon derzeit \u00fcberall zu finden sind, wiederholt auch um das Besetzen von \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen um gegen Unrecht vorzugehen. Anstatt in den n\u00e4chsten Flieger nach Istanbul zu steigen macht Norday aber Theater. Und wir gehen hin, ebenfalls anstatt in den n\u00e4chsten Flieger zu steigen. Dort finden wir uns in einer Situation wieder die der guten Idee von der Gemeinschaft eigentlich zu widersprechen scheint, daf\u00fcr aber klassischem Theater sehr gut entspricht. Auf der einen Seite zweitausend Zuschauer und auf der anderen ein einzelner. Der wird uns was erz\u00e4hlen von uns, in der Sprache unserer Zeit. Wir sind ja sein Hauptpartner.<br \/>\nGregor (Laurent Sauvage) kehrt auf das Erhalten eines Briefes seines Bruders Hans (Stanislas Norday) in sein Heimatdorf zur\u00fcck. Das an Gregor vererbte Gut der Eltern soll verkauft werden um der Schwester Sophie (Emmanuelle B\u00e9art) zu erm\u00f6glichen eine eigene Existenz aufzubauen. Der Arbeiter und die Angestellte vom Lande treffen auf den intellektuellen Heimkehrer. Der kommt zur\u00fcck aus der weiten Welt und wird begleitet von Nova (Jeanne Balibar), dem Geist des neuen Zeitalters. Den Konflikt um die Familienangelegenheit begleitet eine allgemeine Sinnsuche.<br \/>\nEine der Hauptfragen die Norday dabei besch\u00e4ftigt ist: Was ist wert, \u00fcberliefert zu werden? Tats\u00e4chlich eine Frage die interessiert. Unsere Existenz und permanente Anwesenheit in einer digitalen Parallelwelt ist kaum mehr wegzudenken aus der realen. Beruflich und geographisch besteht die M\u00f6glichkeit (der Zwang?) zu absoluter Flexibilit\u00e4t. Gesellschaftliche Ordnungen der Heimat k\u00f6nnen mit etwas Mut getrost \u00fcberschritten werden. Es stimmt also. Wozu an etwas festhalten. Und an was.<br \/>\nZum einen also die Welt des Verg\u00e4nglichen und des Fortschritts, der schnellen Erneuerung und Verbesserung. Zum anderen die des Dorfes, da ist es \u201ezehntausend Jahre vor unserer Zeit, und es ist unsere Zeit\u201c4. \u201eDie Steinbl\u00f6cke wurden zu Terrassenmauern geschichtet, und auf dem steinfreien Erdreich stehen jetzt Obstb\u00e4ume, oder es w\u00e4chst einfach nur Gras, von dem aber jeder einzelne Fleck seinen besonderen Namen hat. (\u2026) Ich sehe auf jedem unscheinbaren Arbeiterhaus in jedem noch so entlegenen Dorf eine Firmen- oder Bankplakette blinken, und jedes Haus in der Landschaft als ein Gesch\u00e4ft (\u2026)\u201c5. Tats\u00e4chlich, so ist das mancherorts. Ich kann das bezeugen, denn aus solch einem Ort komme ich auch. Und beim Lesen erkennt man sogar einige Menschen wieder. Die drei Arbeiter zum Beispiel. Einer ist \u201eknieweich vom Tag im Lehm und Grus, rotzschniefend, schleimhustend, der wird in seinem Dorf verehrt\u201c. Einer spricht abends nach Sendeschlu\u00df \u201emit gro\u00dfem Gluckern (&#8230;) irgendwo im Finstern und sagt so: &lsquo;Baustelle, Tal, Land, Erde unten, Sterne oben, h\u00f6rt her, ich bin&rsquo;s&rsquo;\u201c. Sie bekommen \u201eEntfernungs-, Gefahren- und Schmutzzulagen\u201c und schlachten ein Schwein f\u00fcr den Winter. \u201eWir sind unsern Kindern gegenseitig die Taufpaten und f\u00fcreinander die Sargtr\u00e4ger\u201c6. Ich kenne diese Leute sozusagen pers\u00f6nlich, sie sind so alt wie ich, manche auch j\u00fcnger oder viel \u00e4lter. Vielleicht geht das den anderen Zuschauern an diesem Abend ebenso, vielleicht erkennen wir uns alle ein wenig in Gregor wieder. Wie k\u00f6nnte uns Handkes Text da nicht interessieren.<br \/>\n\u00dcber die D\u00f6rfer tr\u00e4gt den Untertitel Dramatisches Gedicht. Die Inszenierung beginnt mit langer Stille. Gregor steht allein mitten auf der B\u00fchne. Dann kommt Nova.<br \/>\nUnd es beginnt ein Gedicht das aus langen Monologen Selbstgespr\u00e4che und solche zwischen zwei oder mehr Personen baut. Sofort wird es tats\u00e4chlich zu einem \u201elebenden Gedicht\u201c (\u201epo\u00e8me vivant\u201c) wie Norday es angek\u00fcndigt hat: Auf der weiten Ebene der B\u00fchne, die von einigen Containern umrahmt wird welche die Gro\u00dfbaustelle andeuten, werden hin und wieder klar gezeichnete Positionswechsel durchgef\u00fchrt. Einer spricht, ein anderer h\u00f6rt zu. Zwar nicht nat\u00fcrlich, sondern in h\u00f6chstem Ma\u00dfe stilisiert, aber damit in Schlichtheit die nie die Aufmerksamkeit vom gesprochenen Text ablenkt. Langsam aber beharrlich, Wort f\u00fcr Wort, rollt das St\u00fcck sich zu einem Epos auf.<br \/>\nVor einigen Tagen war im Rahmen der Berliner Festspiele ein anderer, ebenfalls beinahe vierst\u00fcndiger Epos unserer Zeit zu sehen. Life and Times &#8211; Episode 1 des Nature Theatre of Oklahoma setzt die am Telefon erz\u00e4hlten ersten Lebensjahre einer Tochter der oberen Mittelschicht in den USA in Musik und Gesang um. Durch andauernde Unterhaltung wird da die Welt wie sie hier und jetzt ist karikiert und vom Zuschauer nach Belieben hinterfragt. Im Programmheft steht \u201eDas Epische ist gekennzeichnet durch seine erz\u00e4hlende Haltung, durch die direkte Ansprache des Zuh\u00f6rers, durch die erm\u00fcdend ausf\u00fchrliche Darstellung einzelner Gegebenheiten und eine gewisse Lust am Verweilen. (\u2026) Jedes F\u00fcllwort, jedes &lsquo;anyway&rsquo; wird zu einer Setzung. Wie in allen Epen werden auch die banalsten Geschichten so allegorisch und kollektiv: Es geht immer auch um uns.\u201c7 \u00dcber die D\u00f6rfer ist wahrlich kein Entertainment. Ansonsten aber trifft die Beschreibung auch an diesem Abend zu.<br \/>\nWas im Spiegel nach der Urauff\u00fchrung von \u00dcber die D\u00f6rfer 1982 bei den Salzburger Festspielen unter der Regie von Wim Wenders kritisiert wurde ist an diesem Abend, zumindest f\u00fcr den ersten Teil der Inszenierung, nicht der Fall. Dort steht: \u201eWenn Gregor im dunklen Erl\u00f6sungs-Deutsch fortf\u00e4hrt (&#8230;), dann scheint die Grenze vom hohen Pathos zur blo\u00dfen L\u00e4cherlichkeit unumkehrbar \u00fcberschritten zu sein. (\u2026) Gregors Vorrat an abgestandenen Weihwassern scheint unersch\u00f6pflich zu sein.\u201c Gregor wird au\u00dferdem vorgeworfen er trage mit sich einen \u201eTr\u00e4nensack der s\u00fc\u00dflichen Wiegenlieder\u201c8.<br \/>\nAuf die Frage ob Handke wohl ein Utopist sei antwortet Michael Roloff, ehemaliger Handke-\u00dcbersetzer ins Englische: \u201e Ein bisschen schon, sonst nicht all dieses Pathos. Speziell in Novas h\u00f6lderlin\u00e4hnlicher Hymne (\u2026). Intrapsychisch gesehen ist das ein Wissen um die Unm\u00f6glichkeit der Erreichbarkeit des Ideals\u201c9.  Und es ist nicht die Textvorlage die in Nordays Inszenierung Probleme bereitet. Er inszeniert ein Theater der Sprache und sieht \u00dcber die D\u00f6rfer als eine \u201eOde an das Schauspiel\u201c. Es stellt sich aber dann die Frage was Schauspiel sei.<br \/>\nIn einem Interview von 1967 mit dem jungen Handke sagt dieser es gehe ihm um die M\u00f6glichkeit des Sprechens. Nicht um \u201eClownerie\u201c. Man verlasse sich noch zu sehr auf die Mittel des alten Theaters. Er sagt das ein Jahr nachdem sein St\u00fcck Publikumsbeschimpfung unter der Regie von Claus Peymann uraufgef\u00fchrt wurde und damit Handkes Theateransatz etabliert. Man w\u00fcnscht sich an diesem Abend oft Norday w\u00fcrde Handkes Meinung diesbez\u00fcglich teilen. Anstatt dessen wird man nach einigen Szenen den Eindruck nicht los ein Museumsst\u00fcck Theater zu begutachten. Auch die Begleitmusik, welche zum einen die Empfindungen der Figuren auf der B\u00fchne doppelt und zum anderen jene des Zuschauers lenken will, steht der Wahrnehmung f\u00fcr die \u00ab\u00a0M\u00f6glichkeit des Sprechens\u00a0\u00bb im Wege. Das geht auf Kosten des Texts.<br \/>\nEmmanuelle B\u00e9art sei Dank, sie macht sich als einzige neben Laurent Sauvage frei von operngleichen Schauspiel\u00fcbungen die man f\u00fcr \u00fcberkommen gehalten hatte und die tats\u00e4chlich riskieren die \u201eGrenze der blo\u00dfen L\u00e4cherlichkeit\u201c zu \u00fcberschreiten. Ganz ohne geschwellte Brust, ohne zitternd gen Himmel erhobene H\u00e4nde, fast ohne Tr\u00e4nen, ohne Niederknien und ohne Steh- und Spielbein-Wechsel (der dann doch an Prinzen und K\u00f6nige und weniger an Helden der Arbeit erinnert) bewegt sie sich auf der B\u00fchne.<br \/>\nSelbst von weitem ist ihr maskenhaftes Gesicht zun\u00e4chst erschreckend. B\u00e9art ist selbst das Bild f\u00fcr die Absicht Vergangenes festzuhalten. Gregor lernt aus der Entfernung den Ort seiner Herkunft lieben und kehrt zur\u00fcck um die Vergangenheit festzuhalten. B\u00e9art versuchte das selbe mit ihrer Sch\u00f6nheit und scheitert wie Gregor. In diesem Scheitern sind beide menschlich, und das erreicht den Zuschauer auf den R\u00e4ngen mehr als vorgef\u00fchrtes Engagement. B\u00e9art bel\u00e4sst es dabei, ohne Nachdruck sondern mit der Stimmkraft eines Schauspielers und ansonsten mit Nat\u00fcrlichkeit, Handkes Text f\u00fcr Sophie wiederzugeben, der dann allein seine Wirkung tut.<br \/>\n1 Conf\u00e9rence de Presse, 05\/07\/2013<br \/>\n2 Interview T\u00e9l\u00e9rama, 03\/07\/2013<br \/>\n3 Saalprogramm Cour d&rsquo;honneur 10\/07\/13 Par les villages, Festival d&rsquo;Avignon<br \/>\n4 S.19, \u00dcber die D\u00f6rfer, Suhrkamp Verlag, Ausgabe 2002<br \/>\n5 S. 18, s.o.<br \/>\n6 S. 36, s.o.<br \/>\n7 Florian Malzacher<br \/>\n8 DER SPIEGEL 31\/1982 ;Christian Schultz-Gerstein \u00fcber Peter Handke: \u00dcber die D\u00f6rfer<br \/>\n9 http:\/\/www.begleitschreiben.net\/schoen-wie-so-vieles-michael-roloff-zu-peter-handke-i\/<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Par les villages, une pi\u00e8ce de l&rsquo;auteur autrichien Peter Handke, nous confronte sous forme d&rsquo;un \u201epo\u00e8me dramatique\u201c avec des mondes perdus et des mondes \u00e0 venir. 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