


{"id":630,"date":"2013-07-11T21:20:00","date_gmt":"2013-07-11T19:20:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.insense-scenes.net\/wordpress\/?p=630"},"modified":"2013-07-11T21:20:00","modified_gmt":"2013-07-11T19:20:00","slug":"entdeckungen-eines-herdentiers-decouvertes-dun-animal-de-horde","status":"publish","type":"article","link":"https:\/\/juliechaumard.paris\/winsense\/article\/entdeckungen-eines-herdentiers-decouvertes-dun-animal-de-horde\/","title":{"rendered":"Entdeckungen eines Herdentiers \/ D\u00e9couvertes d&rsquo;un animal de horde"},"content":{"rendered":"<p><em> <strong>Geleitet von einer Audiof\u00fchrung begibt man sich mit Remote Avignon, welches vom 8. bis zum 19.Juli geboten wird, auf eine von Stefan Kaegi (Rimini Protokoll) kreiierte Stadtf\u00fchrung die in keines der zahlreichen Theater f\u00fchrt sondern vielmehr die Stadt abseits der bekannten Festival- und Touristenziele erkundet. Dabei l\u00e4sst man sich auf ein Spiel ein bei dem das Dasein als Mitglied einer Gemeinschaft und das Leben in einer mehr und mehr digitalisierten Welt erforscht wird. \/\/ Avec un tour guid\u00e9 par casque, cr\u00e9e par Stefan Kaegi (Rimini Protokoll) on a, du 8 au 19 juillet, la possibilit\u00e9 de d\u00e9couvrir la ville d&rsquo;Avignon loin des nombreux th\u00e9\u00e2tres et des points touristiques. En se faisant, on entre dans un jeu qui fait exp\u00e9rimenter l&rsquo;\u00eatre comme membre d&rsquo;une communaut\u00e9 et la vie dans un monde plus et plus digitalis\u00e9. Une des questions principales qui se pose, pendant et aussi apr\u00e8s avoir fait partie de Remote Avignon, est \u201e\u00e0 qui et pourquoi donner sa confiance?\u201c.<\/strong> <\/em><br \/>\nIn der prallen Mittagssonne versammeln sich f\u00fcnfzig Personen auf dem Friedhof Saint-V\u00e9ran in Avignon, ausgestattet mit Kopfh\u00f6rern. Einer mit rotem T-shirt wird als Person unseres Vertrauens vorgestellt, man d\u00fcrfe sich an ihn wenden bei Unklarheiten, Panikattacken oder sonstigem Unwohlsein. Ansonsten solle man sich ganz auf seine Kopfh\u00f6rer verlassen.<br \/>\nSchlechter Empfang. Die von k\u00fcnstlichem Vogelkreischen begleitete Geisterbahnmusik knackst und rauscht bisweilen. Eine freundliche Frauenstimme die an eine Stewardess erinnert erkl\u00e4rt keine Rettungsma\u00dfnahmen sondern fordert mich auf von Trauergesellschaften die mir begegnen k\u00f6nnten respektvollen Abstand zu halten. Dann bittet sie mich ein Grab meiner Wahl zu besichtigen. Dort soll ich mein Alter und \u00fcberhaupt mich mit dem Verstorbenen vergleichen. Was wohl von dem vor mir begrabenen K\u00f6rper \u00fcbrig ist. Sie selbst habe keinen K\u00f6rper sagt die Stimme. Ihr Name ist Margot. Sie will mein Freund sein. Sie erkl\u00e4rt mir sie sei erzeugt in einem Programm, ihre Worte sind komponiert aus einzeln aufgenommenen Silben. Margot spricht zu mir, ganz im Gegenteil zu den Toten um mich. Stimmt. Genau wie ich per Fernsprechanlage mit diversen Apparaten sprechen kann damit diese tun was ich will. Genau wie mein Navigationsger\u00e4t zu mir spricht, nur dass ich dort sogar die Sprache w\u00e4hlen kann.<br \/>\nMargot spricht ausschlie\u00dflich franz\u00f6sisch und m\u00f6chte mich und die anderen nun gerne wie Tiere behandeln. Wie Tiere behandeln? Sie meint das freundlich, und erkl\u00e4rt uns wir seien zu viele f\u00fcr eine Familie und zu wenige f\u00fcr eine Stadt. Wir erf\u00fcllten genau die Anzahl einer Herde. Zuerst sollen wir uns zwischen den Gr\u00e4bern wie Katzen zum Ausgang schleichen. Das ist ein bisschen besch\u00e4mend. Aber wir tun es, aus unseren Kopfh\u00f6rern t\u00f6nt dazu Katzengemaunze.<br \/>\nAuf dem Parcours den wir nun durch eine Tiefgarage, einen Supermarkt und durch die Altstadt abgehen werden \u00fcbrigens immer wieder beschreibende Ger\u00e4usche erklingen. Ein Zug w\u00e4hrend wir durch den Tunnel gehen, Stimmen des Streiks der 2002 das Festival d&rsquo;Avignon verhindert hatte w\u00e4hrend wir, den Anweisungen folgend, einen Demonstrationszug simulieren. Wir werden also auf Entdeckungsreise unserer eigenen Welt geschickt und an manchen Stellen freundlich daf\u00fcr sensibilisiert dass wir unser Vertrauen in Maschinen stecken. Dass wir Anweisungen folgen die digital erstellt wurden. Dass wir \u00fcberhaupt oft Anweisungen und Regeln folgen. Im Stra\u00dfenverkehr, beim Betreten einer Kirche, beim Erhalten eines Diploms. Alte Anweisungen, neue Anweisungen. Miserere nobis.<br \/>\nDas steht geschrieben in der Kirche wo wir uns abk\u00fchlen und besinnen k\u00f6nnen, und in der Margot eine Wiedergeburt erf\u00e4hrt. Sie transformiert sich in Bruno. Bruno bietet mir an, mich ebenfalls zu transformieren, ihm Informationen \u00fcber mich auf einer Harddisk anzuvertrauen damit man alles in Silben und Worte f\u00fcr eine digitale Stimme verwandeln k\u00f6nne.<br \/>\nDes \u00f6fteren wird unsere Herde in Gruppen geteilt. Dann sollen wir uns gegenseitig ganz genau beobachten und werden wieder sensibilisiert, f\u00fcr unsere Scham und f\u00fcr unsere Verg\u00e4nglichkeit. Einmal schreiben wir in einem H\u00f6rsaal auf was von uns \u00fcbrig bleiben soll wenn wir tot sind. Wir spielen weiterhin mit und ich schreibe etwas sehr pathetisches, das ist peinlich. Aber auch irgendwie sch\u00f6n. Einmal betrachten wir einen kleinen \u00f6ffentlichen Platz wie eine B\u00fchne, Passanten wie Schauspieler. Man wird, falls man es noch nicht sein sollte, aufmerksam f\u00fcr die Welt als B\u00fchne des Lebens. Ich komme mir vor wie auf einem Lehrpfad, es ist ein bisschen viel der Sensibilisierung an diesem Nachmittag unter der Sonne S\u00fcdfrankreichs. Am besten gefallen mir dabei die Momente in denen das System hakt. Meistens bin ich versehentlich der Grund daf\u00fcr. Denn am Empfang liegt es nicht, der ist jetzt sehr gut und Margot und Bruno sehen all unsere Reaktionen vor, so bauen wir keinen Unfall und werden nie ratlos allein in der Stadt gelassen. Aber weil sie franz\u00f6sisch sprechen kommt es vor dass ich nicht alle Kommandos verstehe, einmal hei\u00dft es man solle den anderen zuwinken aber es ist die Gruppe uns gegen\u00fcber die winkt, in meiner Gruppe winke nur ich. Hatte wohl als einzige eine Anweisung \u00fcberh\u00f6rt und bin nun das schwarze Schaf.<br \/>\nBeim Demonstrationszug der uns die Macht der Masse erfahren l\u00e4sst indem wir die Stra\u00dfe versperren und Autos am Weiterfahren gehindert werden will ich mich gerade der eben gestellten Frage was Demokratie sei widmen, da steigt meine Begleitperson aus. Wir nehmen unsere Kopfh\u00f6rer ab und entfernen uns. \u201eDigitale Stimmen werden schon seit Jahren im Theater verwendet. Ich habe schon Sacre de Printemps per Audioguide getanzt. Ich ertrage dieses Gef\u00fchrtsein von programmierten Maschinen und Leuten die denken sie m\u00fcssten mir etwas beibringen nicht l\u00e4nger\u201c sagt sie. \u201eAber gerade dar\u00fcber wird man sich doch dabei bewusst\u201c erwidere ich. Sacre de Printemps habe ich noch nie getanzt, auch nicht per Audioguide. \u201eGlaubst du wirklich die ganzen Leute hier w\u00fcssten das nicht schon l\u00e4ngst?\u201c. Stimmt eigentlich.<br \/>\nAus der Entfernung beobachten wir die inszenierten, stummen Demonstranten. Wir bemerken dass eine junge Frau die bisher ein Mitglied der Herde zu sein schien diskret ein Schild hochh\u00e4lt f\u00fcr die Autofahrer. Darauf ist das Label des Festival d&rsquo;Avignon und darunter \u201eMerci de patienter (\u00e7a ne dure qu&rsquo;une minute)\u201c. Es ist also nicht nur eine k\u00fcnstliche Stimme die uns f\u00fchrt sondern auch eine zurechtgebogene Realit\u00e4t die wir erforschen. Mein Eindruck einer zwar etwas zu didaktischen aber ansonsten eigentlich spannenden Entdeckung meiner eigenen Welt in einem Projekt von Vorreitern des Theaters unserer Zeit f\u00e4llt in sich zusammen. Ich sehe wie sich die jetzt ziemlich hemmungslose Truppe mit dem Gef\u00fchl alles sei here and now und herrlich real weiter durch die Stadt arbeitet, und ich komme mir ein wenig vor als h\u00e4tte mich jemand hinters Licht gef\u00fchrt. Selber schuld.<br \/>\nIch folge also meiner Begleiterin die mich weg von unserer Herde und durch verwinkelte G\u00e4sschen lotst, sie argumentiert weiter gegen den soeben mitgemachten Parcours und mehr und mehr stimme ich ihr zu. Dann beschlie\u00dfe ich zu versuchen ein Ticket f\u00fcr Marthalers King Size heute Abend zu bekommen. Wieder allein ist es pl\u00f6tzlich extrem angenehm selbst \u00fcber meinen Weg und meine Wahrnehmung zu entscheiden, zumindest ohne direkte Vorgaben. Weder von Rimini Protokoll, noch von Technik die mich umgibt, noch von sonst irgendwem.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geleitet von einer Audiof\u00fchrung begibt man sich mit Remote Avignon, welches vom 8. bis zum 19.Juli geboten wird, auf eine von Stefan Kaegi (Rimini Protokoll) kreiierte Stadtf\u00fchrung die in keines der zahlreichen Theater f\u00fchrt sondern vielmehr die Stadt abseits der bekannten Festival- und Touristenziele erkundet. Dabei l\u00e4sst man sich auf ein Spiel ein bei dem das Dasein als Mitglied einer Gemeinschaft und das Leben in einer mehr und mehr digitalisierten Welt erforscht wird. \/\/ Avec un tour guid\u00e9 par casque,<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"menu_order":0,"template":"","categorie_article":[27],"class_list":["post-630","article","type-article","status-publish","hentry","categorie_article-critique"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/juliechaumard.paris\/winsense\/wp-json\/wp\/v2\/article\/630","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/juliechaumard.paris\/winsense\/wp-json\/wp\/v2\/article"}],"about":[{"href":"https:\/\/juliechaumard.paris\/winsense\/wp-json\/wp\/v2\/types\/article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/juliechaumard.paris\/winsense\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/juliechaumard.paris\/winsense\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=630"}],"wp:term":[{"taxonomy":"categorie_article","embeddable":true,"href":"https:\/\/juliechaumard.paris\/winsense\/wp-json\/wp\/v2\/categorie_article?post=630"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}